"Ich habe mir geschworen, meinen Kopf und mein Gewissen nicht an der Garderobe abzugeben"

Bundespolitik

Detlev Pilger war Möbelpacker, Lehrer und Personalrefrent im Bistum Trier. Er ist in der Politik tätig, im Sport und im Karneval. Jetzt ist er der Kandidat für die Bundestagswahl 2013. Ein Interview über gesellschaftliche Probleme, moalische Werte und die Rolle der Religion.

Hallo Herr Pilger, herzlichen Glückwunsch zur Wahl zum Bundestagskandidaten. Oder sollte ich lieber „herzliches Beileid“ sagen?

(lacht) Wieso denn Beileidswünsche?

Na, wenn ich richtig informiert bin, dann können Sie sich vor Terminen kaum retten. Dazu kommt, dass Politiker aller Parteien nicht das allerhöchste Ansehen genießen. Daher nochmals die Frage: Glück oder Fluch?

In der Tat, die Anzahl meiner Termine ist in den letzten Wochen dramatisch angestiegen. Aber das kommt nicht völlig überraschend für mich. Diesbezüglich hatte ich ein gutes Gefühl dafür, was auf mich zukommen würde. Doch Sie haben recht, manchmal kann es schon sehr anstrengend sein.

Und das Image eines Politikers...

... ist manchmal nicht das Beste. Doch das stimmt. Aber wenn alle immer nur jammern und kritisieren, wird dadurch auch nichts zum Positiven verändert. Es braucht Menschen, die sich für die öffentlichen Belange einsetzen. Und dies sind in weiten Bereichen Politiker.

Manche Politiker werden den Erwartungen und moralischen Ansprüchen, die an sie gestellt werden, nicht gerecht.

Dem stimme ich zu. Jedoch als ich 1984 in die SPD eingetreten bin, habe ich mir geschworen, meinen Kopf und mein Gewissen nicht an der Garderobe abzugeben. Und wenn es Fehlverhalten gibt, dann muss man dies auch ohne Ansehen der Person und der Parteizugehörigkeit benennen.

Das ist ein hoher moralischer Anspruch. Werden Sie dem denn gerecht?

Das müssen Andere beurteilen. Ich kann nur sagen, dass ich mir Mühe gebe.

Sie möchten in den Bundestag gewählt werden. Was treibt Sie, diese Ochsentour auf sich zu nehmen?

Nun, wir leben in einer Gesellschaft, in der 10% der Menschen über 60% des Vermögens verfügen. Das an sich wäre noch zu verkraften, wenn nicht ein unerheblicher Teil der verbleibenden 90% unter der Armutsgrenze leben würde. Kinderarmut ist eines der drängendsten Probleme in unserer doch so reichen Republik. Teilweise arbeiten Menschen für Löhne, die so gering sind, dass sie davon nicht leben können und zusätzlich zu ihrer Arbeit auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Ich kenne eine Rentnerin, die von monatlich 372,- € Rente leben muss. Wenn ich mir die Sozialpolitik der jetzigen Bundesregierung ansehe, frage ich mich, wo da noch der Bezug zur christlichen Soziallehre sein soll.

Aber selbst die CDU will doch inzwischen den Mindestlohn?

Frau Merkel vermittelt den Anschein, als wäre sie für die Einführung von Mindestlöhnen. Tatsächlich will sie auch das, wie so vieles, dem freien Spiel der Kräfte überlassen. Die FDP will ihn ohnehin nicht und beharrt auf der Erfüllung des Koalitionsvertrages.

Das letzte Mal, dass die FDP auf einen Koalitionsvertrag beharren kann?

(lacht) Für die Kolleginnen und Kollegen aus der FDP sieht es in der Tat nicht rosig aus. Aber wir haben in den letzten Jahren erlebt, wie schnell sich Stimmungen drehen können. Den Mindestlohn haben wir schon angesprochen und der Atomausstieg war auch ein entsprechendes „Wechsel-Thema“, in der sich nicht nur die Meinung von Frau Merkel (wohl aus wahltaktischen Gründen) sehr rasch geändert hat.

Wenn man das jetzt negativ sehen möchte, dann ist das „Beliebigkeit“. Positiv ausgedrückt könnte man von „Flexibilität“ und“ lebenslangem Lernen“ reden.

Philosophisch ist das sicherlich richtig. Aber: es ist ja doch so, dass die Bundesregierung nach Fukushima nicht zu völlig neuen Erkenntnissen gekommen wäre. Schließlich gab es unter Rot-Grün bereits einen Atomausstieg, den die jetzige Bundesregierung nicht nur gegen den erbitternden Widertand von Rot-Grün, sondern auch aus weiten Teilen der Bevölkerung, zurückgenommen hat. Hunderttausende sind dagegen auf die Straße gegangen. Es ist traurig, ja fast zynisch, dass die Vernunft nicht zur Energiewende gereicht hat, sondern dass es der Katastrophe in Japan dafür bedurfte.

Also Wut über die Bundesregierung ist ihre Motivation, sich für den Bundestag zu bewerben.

Zum Teil ist das sicherlich richtig. Auf der anderen Seite habe ich durch meine Arbeit im Stadtrat erlebt, wie viel Freude es machen kann, sich für andere Menschen einzusetzen.

Das klingt jetzt aber eher christlich ...

Damit habe ich keine Probleme. Im Gegenteil. Ich habe jahrelang als Referent für das Bistum Trier gearbeitet. Werte zu haben, ist in meinen Augen in unserer Zeit unglaublich wichtig. Die christlichen Werte sind dabei sehr bedeutsam, wenn auch nicht die ausschließlichen.

Wie meinen Sie das?

Ich meine, dass es wichtig ist, nicht nur an das Hier und Jetzt zu glauben. Ob nun der christliche Gott, Buddha oder Allah für die Menschen bedeutsam ist, spielt keine so große Rolle. Entscheidend ist, dass Religionen oder Sinngemeinschaften Werte vorgeben, nach denen die Menschen friedlich miteinander leben. Und das ist auf jeden Fall besser, als nur an den schnöden Mammon zu glauben.

Aber ich möchte mich gerne über den kommunalen Bereich hinaus auf Bundesebene für unsere Gesellschaft engagieren. Das bedeutet für mich, u.a. Anliegen und Probleme der Bevölkerung meines Wahlkreises aufzugreifen und in den Gremien des Parlaments versuchen Lösungen herbeizuführen.

Insbesondere möchte ich mich für die folgenden Ziele und Themen einsetzen:

1. Arbeitsplatzsicherung in Koblenz , den Bundeswehrstandort, das Bundesarchiv, das Wasserschifffahrtsamt und das BWB.

2. Bildungsinitiative des Bundes im Hinblick auf sozialbenachteiligte Familien. Frühe Förderung von Kindern im Kinderarten- und im Grundschulalter, um soziale Benachteiligungen auszugleichen. Mittelfristig werden dadurch die Sozialkassen entlastet, da mehr Menschen aus der Abhängigkeit von Transferleistungen entlassen werden.

3. Reform der Kommunalfinanzierung und dadurch Verlagerung von verschiedenen Sozialkosten von den Kommunen auf den Bund.

Herr Pilger, vielen Dank für das Gespräch